M.Sc. Fynn Malte Degener, Studienpreisträger 2025
Großprojekte der öffentlichen Hand sind oft von Termin- und Kostenüberschreitungen betroffen. Die konventionellen Projektabwicklungsmodelle stoßen bei komplexen Großprojekten an ihre Grenzen, da die konkurrierenden Interessen der Projektbeteiligten und die fehlende Anreizkompatibilität den Projekterfolg gefährden. Das integrierte Projektabwicklungsmodell (IPA), das international erprobt ist, begegnet diesen Herausforderungen und setzt auf den Abschluss eines einzigen Vertrags für Planung und Bau, die Incentivierung des gemeinsamen Projekterfolgs durch ein geteiltes Risiko-Ertrags-Modell sowie garantierte Kostenerstattung und die Vereinbarung eines auf Lean-Prinzipien basierenden, partnerschaftlichen operativen Ansatzes.
Der Bund als einer der größten Bauherren Deutschlands steht aufgrund des Sanierungsstaus und der geänderten europäischen Sicherheitslage vor großen baulichen Aufgaben, die innovative Lösungsansätze für eine erfolgreiche Projektabwicklung erforderlich machen. Die vorliegende Masterarbeit untersucht, unter welchen Bedingungen das integrierte Projektabwicklungsmodell ein Erfolgsmodell für komplexe Bundesbaumaßnahmen sein kann. Ziel der Arbeit ist es, praxisnahe Handlungsempfehlungen für die Anwendung dieses Projektabwicklungsmodells am Beispiel des Bau- und Liegenschaftsbetriebs des Landes Nordrhein-Westfalen zu entwickeln. Der Schwerpunkt der Betrachtung liegt dabei auf den Vergabeprozessen. Im Rahmen der Arbeit werden die Bedingungen für die vergabe- und haushaltsrechtliche Zulässigkeit des Modells für öffentliche Auftraggeber geprüft und Handlungsempfehlungen für die Vergabestrategie, das Vergabevorgehen und die Vertragsgestaltung erarbeitet.
Die Arbeit leitet zunächst zu einer begründeten Entscheidungsfindung hinsichtlich der Vergabelosbildung an, die die Handlungsfähigkeit der Allianz sichern und einen hohen Eigenleistungsanteil der Beteiligten fördern sollte. Zudem wird die Art der Einbindung von Nachunternehmer- sowie Beratungs- und Projektmanagementleistungen erörtert und die vertraglichen Beziehungen untersucht.

Abbildung 1: Schaubild Projektbeteiligte und Rollenzuordnung
Hinsichtlich der Vergabeverfahren identifiziert die Arbeit das Verhandlungsverfahren mit Teilnahmewettbewerb als für die Vergabe der Planungs- und Bauleistungen geeignet. Es werden Empfehlungen zur Ausgestaltung der Vergabeverfahren formuliert und die Besonderheiten im Zuge der Angebotswertung identifiziert, bei der den preislichen Kriterien keine überwiegende Bedeutung mehr zukommt, sondern qualitative Auswahlkriterien die zentrale Grundlage der Zuschlagserteilung bilden. Konkrete Vorschläge zur Gestaltung der Auswahlkriterien werden in einer praxistauglichen Wertungsmatrix zusammengefasst.
Zuletzt werden die Grundsätze der Ausgestaltung eines Mehrparteienvertrags unter Berücksichtigung der rechtlichen Rahmenbedingungen des Bundesbaus thematisiert sowie die Vereinbarkeit der Haushalts- und Genehmigungsprozesse mit dem IPA-Phasenmodell geprüft.
Um die Praxistauglichkeit der Handlungsempfehlungen sicherzustellen, werden die Forschungsergebnisse mittels qualitativer Experteninterviews verifiziert und weiterentwickelt. Über die Betrachtung der Vergabeprozesse hinaus, identifiziert die Arbeit die auftraggeber- und auftragnehmerseitige Bereitschaft und Fähigkeit zur partnerschaftlichen Zusammenarbeit sowie die beidseitige Offenheit für alternative Projektabwicklungsmodelle als wesentlichen Erfolgsfaktor für die integrierte Projektabwicklung.
Im Ergebnis zeigt die vorliegende Arbeit, wie die Vergabeprozesse eines integrierten Projektabwicklungsmodells bei einem öffentlichen Auftraggeber erfolgreich gestaltet werden können. Von der Vergabelosbildung über die Wahl des Vergabeverfahrens und die Angebotswertung bis hin zu den vertraglichen Beziehungen werden die Besonderheiten des integrierten Projektabwicklungsmodells dargelegt und durch die Formulierung von Empfehlungen sowie Entscheidungsgrundlagen ein praxistauglicher Handlungsleitfaden für öffentliche Auftraggeber entwickelt.
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