Risikomanagement – Strategien aus verschiedenen Perspektiven

Tagungsbericht der Jahrestagung 2016 in Hamburg

Die Diskussionen über gescheiterte Projekte sind trotz Ergebnisbericht der Reformkommission der Bundesregierung in vollem Gange. Nach der letzten Jahrestagung in 2015 über das Thema „Projektcontrolling aus Sicht des Auftraggebers“ hat die 1. Wissenschaftliche Vereinigung dieses Jahr Strategien des Risikomanagements analysiert und aus verschiedenen Perspektiven  diskutiert.

In der Bewertung der derzeitigen Diskussion in Wissenschaft und Praxis besteht über die Notwendigkeit eines funktionierenden Risikomanagements großes Einvernehmen. Die wesentliche Frage dabei ist jedoch, mit welcher Methodik, in welcher Tiefe, zu welchen Zeitpunkten und in welcher projektbezogenen Konstellation die Umsetzung erfolgt. Diese Fragen wurden von renommierten Referenten aus verschiedenen Blickwinkeln untersucht, um daraus abschließend gemeinsam Thesen zur Anwendung abzuleiten.

Ulrich Wölfer von Unibail-Rodamco Germany GmbH, Düsseldorf stellte das Projekt

Überseequartier Hamburg

als eines der momentan größten Projekte in Deutschland vor. Das multifunktionale Projekt besteht aus Handelsflächen, Hotel mit 800 Zimmern, Büroflächen, Entertainment und Kino mit 2.700 Plätzen, 500 Wohnungen sowie umfangreichen Gastronomieflächen. Das Projekt mit ca. 260.000 m2 BGF wird eine Investition von knapp 1 Mrd. € umschließen. Das Projekt wird von 12 renommierten, zum Teil international tätigen Architekten gestaltet und beinhaltet alle klassischen Baurisiken, die bei einem derartigen Projekt allerdings weit über das normale Maß hinausgehen. Dies betrifft neben dem Planungsrisiko durch sehr viele unterschiedliche Planungsbeteiligte, naturgemäß die Entwicklung des Bebauungsplanes auch im Dialog zwischen den verschiedenen Stakeholdern und der Stadt. Des Weiteren hervorzuheben ist das Betreiberrisiko in den verschiedenen oben angesprochenen Nutzungsstrukturen. Neben der Vielzahl der Risiken wurde deutlich, dass es sich um ein fantastisches Projekt in einer der schönsten Städte Europas handelt und damit die Entwicklung einer internationalen Landmark für Hamburg beinhaltet.

Norbert Grahl von der Deutschen Genossenschafts-Hypothekenbank AG, Hamburg referierte zum Thema

Projektentwicklungen – Risikobewertung aus Perspektive der finanzierenden Bank.

Entscheidend für die finanzierende Bank ist die Bewertung der vorgesehenen Projektplanung und das Risikomanagement des jeweiligen Kunden. Darauf aufbauend erfolgt die eigene Bewertung der Bank im Hinblick auf das Fertigstellungsrisiko und einem von der Bank eventuell zu tragendem Ausfallrisiko. In diesem Prozess ist entscheidend, nicht tragbare Risiken rechtzeitig zu erkennen und gegebenenfalls zu eliminieren sowie tragbare Risiken zu begrenzen und zu bewerten. In dem Zusammenhang wird auch über einen „Sicherheitspuffer“ für unplanmäßige Entwicklungen nachgedacht. Das projektbegleitende Risikomanagement vergibt die Bank an geeignete Dienstleister, die für eine laufend aktuelle Transparenz der Werthaltigkeit der Kreditforderung sorgt. Dabei geht es auch um die Bewertung von Planungsänderungen des Kunden und daraus resultierenden Anpassungen der Finanzierungsstruktur. Wesentlich ist die Möglichkeit, frühzeitig auf erhöhte bzw. eingetretene Ausfallrisiken zu reagieren.

Jens Quade von Ed. Züblin AG, Hamburg stellte das Risikomanagement verschiedener Projekte aus

Perspektive der ausführenden Firma

dar. Nach seiner Wahrnehmung der letzten zwei Jahrzehnte gab es nur wenige Auftraggeber bzw. Projektsteuerer in Deutschland, die in klassischen Vergabeverfahren auf Risiken hingewiesen, hinterfragt oder gar deren finanzielle Bewertungen abgefordert haben. In der letzten Zeit ergäbe sich allerdings durch alternative Vergabeverfahren, partnerschaftliche Vertragsmodelle und veränderte Marktbedingungen bzw. die Internationalisierung der Branche in dieser Richtung ein Kulturwandel. Herr Quade erläuterte sehr anschaulich die Verfahren der Risikoerkennung, der Risikobeurteilung und Kompensationsüberlegungen, die Risikosteuerung und Risikoüberwachung im Hause Züblin durch ausgewählte Tools und Definition von Verantwortlichkeiten. Bei einem Neubau eines mulitifunktionalen Gebäudes in Kopenhagen verlangte der Bauherr von allen Anbietern eine Risikoanalyse mit kombiniertem Kompetenz-/Preiswettbewerb auf Basis eines vom Auftraggeber vorgegebenen Risikoregisters. Diese Struktur musste von den Bietern mit der Monte-Carlo-Simulation im Hinblick auf die Eintrittswahrscheinlichkeit bewertet werden. Des Weiteren diente diese Struktur als Basis zu einer Pauschalierung des Risikobudgets und wurde kontinuierlich während der Bauphase analysiert. Quades Fazit bestand in der Feststellung, dass das Risikomanagement kein „Hexenwerk“ sondern eine Frage von Struktur und Bearbeitungstiefe sei. Das größte Risiko beim Bauen ist und bleibt der Mensch, wobei die beste Risikovorsorge in Form von offenen und qualifizierten Mitarbeitern und verantwortungsbewussten Managern besteht.

Dirk Schaper (HOCHTIEF ViCon GmbH, Essen) berichtete über den Einsatz von

Building Information Modeling

Die Methodik bietet durch strukturierte Datenerfassung und -führung in wesentlichen Teilbereichen die Möglichkeit, Risiken zu mindern. Dies betrifft insbesondere Störungen durch das Erfordernis, bei konventioneller Abwicklung Daten mehrfach zu transformieren sowie Kollisionen in der Planung frühzeitig zu identifizieren und einer Lösung zuzuführen. Des Weiteren liegen Vorteile in der gemeinsamen Datenumgebung und dadurch resultierende die Möglichkeiten in der Erhöhung der Planungssicherheit. Damit ergibt sich ein höheres Maß an Transparenz und auch hilfreiche Lösungsunterstützungen durch Projekttypisierungen. Herr Schaper erläuterte dies anhand der äußerst komplexen Planungs- und Abwicklungsabläufe im Projekt der Elbphilharmonie. Dort mussten im Hinblick auf mehrdimensionale Krümmungen in der Dachkonstruktion und Verknüpfungen zwischen Stahlbau und Technik vielfältige Lösungen ingenieurmäßig durchdacht werden, die ohne die Methodik BIM sehr schwierig zu lösen gewesen wären.

Univ.-Prof. Dr. Ing. habil. Christian Moormann, Universität Stuttgart erläuterte Verfahren des

Risikomanagement beim Bauen in Boden und Fels

in Konkretisierung des Schadensfalles “Historisches Archiv Stadt Köln” und Strategien zur Reduktion der Risiken im Spezialtiefbau. Herr Prof. Moormann erläuterte sehr anschaulich die Herausforderungen der Geotechnik, die Schwierigkeit, Zuverlässigkeit und Risiko in der Geotechnik zu quantifizieren, Lehren aus dem Schadensfall Köln zu ziehen und Strategien zur Reduktion der Risiken zu formulieren. Rückblickend lassen sich folgende häufige Schadensursachen identifizieren:

  • auf ein Minimum reduzierte Baugrunderkundung,
  • geringe Planungstiefe bei Ausschreibungen,
  • Antreffen abweichender Baugrundverhältnisse während der Ausführung ohne Anpassung der Planung,
  • Auffälligkeiten während der Bauausführung ohne geeignete Gegenmaßnahmen,
  • kein Vier-Augen-Prinzip während der Ausführung und damit gekoppelte Defizite in der Qualitätssicherung,
  • Organisationsdefizite in der gesamten Projektorganisation (QM-System),
  • unzureichender fachlicher Dialog innerhalb der Organisation zwischen AG/AN/Sonstigen.

Den Abschluss der Tagung stellte traditionell die

Vorstellung und Besichtigung zweier Großbaustellen mehr lesen

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Preisträger des Studienpreises 2016 gewürdigt

Traditionell hat die 1. Wissenschaftliche Vereinigung Projektmanagement ihre Jahrestagung genutzt, um Ihren Studienpreis zu verleihen. Im Rahmen des feierlichen Abendprogramms wurden Dr. Alexander Muhm und Matthias Wistuba (M. Sc.) geehrt. Moderiert von Prof. Dr. Florian Kluge und Prof. Dr. Alexander Malkwitz wurden die prämierten Arbeiten gewürdigt und die stolzen Preisträger erhielten Urkunde und Preisgeld.

Der Studienpreis wird seit 2013 jährlich ausgeschrieben und steht Dissertationen Master-, Bachelor-, und Diplomarbeiten aus dem Bereich Bau-Projektmanagement, Projektsteuerung und Projektentwicklung offen. Prämiert werden Arbeiten, denen es in besonderer Weise gelingt, aktuelle und relevante Fragen des Bau-Projektmanagements wissenschaftlich zu beleuchten und beispielhaft zukunftsweisende Lösungen zu entwickeln.

Die eingereichten Arbeiten wurden in einem mehrstufigen Verfahren bewertet. Neben Prof. Dr. Kluge, und Prof. Dr. Malkwitz gehörten der Jury Prof. Dr. Eschenbruch sowie Prof. Dr. Preuß an.

Der mit 3.000,- Euro dotierte 1. Preis wurde an Dr. Alexander Muhm verliehen. Alexander Muhm hat an der Fakultät für Architektur und Raumplanung der Technischen Universität Wien seine Dissertation „Ein multifunktionales Modell für das Projektmanagement im Hochbau“ erarbeitet. Betreut und begutachtet wurde die Arbeit von Univ.-Prof. Arch. Dipl.-Ing. Christoph Achammer sowie Univ.-Prof. i.R. Mag. Dr. Wilfried Schönbäck. Prof. Dr. Malkwitz würdigte in seiner Laudatio insbesondere die praxisnahe und eigenständige Entwicklung der Forschungserkenntnisse, die Gutachter bewerteten die Arbeit mit „sehr gut“.

Der mit 1.000,- Euro dotierte 2. Preis ging in diesem Jahr an Matthias Wistuba für seine Masterarbeit „PMO – Health Check“ – Ermittlung und Bewertung des Ist-Zustands von unternehmensinternen Project Management Offices“. Die Arbeit wurde am Fachgebiet Immobilienwirtschaft und Baubetriebswirtschaftslehre an der Technischen Universität Darmstadt erarbeitet und von Prof. Dr. Andreas Pfnür betreut. Die Gutachter bescheinigen der Arbeit eine „hochgradig praktisch relevante Aufgabenstellung“ und die „praktische Reflektion und unmittelbare Anwendbarkeit der Ergebnisse“. Die gesteckten Forschungsziele werden „voll umfänglich erreicht“, so dass die Arbeit in jeder Hinsicht Anforderungen an eine sehr gute Masterthesis erfüllt.

Beiden Preisträgern wurde die kostenlose Teilnahme an der Jahrestagung der 1. Wissenschaftlichen Vereinigung ermöglicht. Im Kreise der Tagungsgäste konnten sie auf höchstem Niveau netzwerken und fanden die verdiente Anerkennung für ihre Arbeit.

Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist ein wichtiges – satzungsgemäß verankertes – Vereinsziel der 1. Wissenschaftlichen Vereinigung Projektmanagement und der Studienpreis hat seinen Wert und Bekanntheitsgrad in den letzten Jahren stetig steigern können. Im Rahmen der diesjährigen Mitgliederversammlung wurde daher beschlossen, den Studienpreis in seiner bewährten Form beizubehalten und auch in 2016 wieder auszuschreiben.

Man darf gespannt sein, welche Arbeiten sich durchsetzen und im Rahmen der Jahrestagung 2017 gewürdigt werden.

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Zum zweiten Mal: Feierliche Verleihung des Studienpreises 2015

vlnr: Prof. Alexander Malkwitz, Prof. Felix Meckmann, Dr. Mathias Schaule, Prof. Florian Kluge

Zum zweiten Mal hat die 1. Wissenschaftliche Vereinigung ihren Studienpreis vergeben. Im Rahmen der diesjährigen Tagung am 05. und 06. Mai in Berlin konnten Prof. Dr. Florian Kluge und Prof. Dr. Alexander Malkwitz den strahlenden Preisträgern Urkunden und Preisgeld aushändigen. Eingebettet in das feierliche Vorabendprogramm des wissenschaftlichen Programms fanden die Preisträger ihre verdiente Anerkennung vor dem Publikum der Tagungsteilnehmer.

Der Studienpreis ist ausgeschrieben für Dissertationen Master-, Bachelor-, Diplom- Magister- und Studienarbeiten aus dem Bereich Bau-Projektmanagement, Projektsteuerung und Projektentwicklung. Prämiert werden Arbeiten, denen es in besonderer Weise gelingt, aktuelle und relevante Fragen des Bau-Projektmanagements wissenschaftlich zu beleuchten und beispielhaft zukunftsweisende Lösungen zu entwickeln.

 

Die zahlreiche Bewerbungen wurden in einem zweistufigen Juryverfahren bewertet. Den Jurymitgliedern – sämtlich Gründungsmitglieder der 1WVPM – Prof. Dr. Eschenbruch, Prof. Dr. Kluge, Prof. Dr. Malkwitz, Dr. Preuß, Dr. Schofer und Walter Volkmann gebührt an dieser Stelle noch einmal der Dank für die zeitaufwändige Begutachtung.

Den mit 3.000,- Euro dotierten 1. Preis konnte Prof. Dr. Felix Meckmann erringen. Mit seiner an der TU Graz bei Prof. Lechner erarbeiteten Dissertation „Nachhaltiges Bauen – Anforderungen und Handlungsempfehlungen für die Anwendung der Leistungsbilder der HOAI“ überzeugte er die Jury. Die Gutachten bescheinigen der Arbeit großes Engagement, konsequente Entwicklung, sehr gute Darstellung, herausragende Ergebnisse und eine perfekte Detaillierung bei größtem Umfang. Die Jury würdigte dies mit der höchsten Punktzahl des diesjährigen Verfahrens und dem dementsprechenden ersten Preis.

Der 2. Preis – dotiert mit 1.000,- Euro – wurde verliehen an Dr. Mathias Schaule für seine Doktorarbeit „Anreize für eine nachhaltige Immobilienentwicklung – Nutzerzufriedenheit und Zahlungsbereitschaft als Funktion von Gebäudeeigenschaften bei Büroimmobilien“. Die Dissertation wurde an der TU München bei Prof. Dr. Oliver Fischer, Prof. Dr. Josef Zimmermann erarbeitet sowie am Karlsruher Institut für Technologie von Prof. Dr. Thomas Lützkendorf betreut und bewertet. Die Gutachten bescheinigen der Arbeit eine „äußerst komplexe und sehr schwierige Aufgabenstellung“, die Schaule „gut strukturiert, methodisch konsequent aufgebaut kausal argumentiert und gut bezogen auf das gesteckte Ziel“ bearbeitet hat. Die mit summa cum laude ausgezeichnete Arbeit überzeugte auch die Jury des Studienpreises.

Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist ein wichtiges – satzungsgemäß verankertes Vereinsziel der 1. Wissenschaftlichen Vereinigung. In diesem Sinne wurde der diesjährige Studienpreis als voller Erfolg gewertet und soll noch in 2015 erneut ausgelobt und als feste Größe im Markt der Förderpreise etabliert werden.

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